Campari Soda
[Gedanken vom 02.05.07]

Inhalt   Vorheriger Eintrag   Nächster Eintrag

Ein kleiner Ausschnitt blauen Himmels, unterlegt mit dem dunstigen Weiss der Atlantischen Luftfeuchtigkeit ist durch das Fenster zu sehen. Gleich der Klinge eines Schwertes schwankt die silberne Schwinge unserer Airbus A340 in den Turbulenzen auf und ab.

Wie bei jedem Langstreckenflug ist mein Gemütszustand geteilt in Spannung und Ruhe, ein Gegensatz der mich in diesen Stunden des Wartens fast zu zerreissen droht. Wie jedes Mal empfinde ich Vorfreude aufs unbekannte, und gleichzeitig das leicht unbehagliche Gefühl, die gewohnten Trampelpfade zu verlassen und Freunde, Familie und Kollegen zurückzulassen.

Die dünne Luft rauscht mit 450 Knoten an der metallenen Aussenhaut der A340 vorbei, und das Geräusch erinnert mich an das Blut, das mein Herz unaufhaltsam durch meinen Körper pumpt. Obwohl nur eine Maschine ist die Airbus etwas lebendiges, atmendes das mich über den Ozean in ein noch unbekanntes Land mit unbekannten Abenteuern trägt.

Man hat einfach zuviel Zeit nachzudenken, hier eingesperrt über den Wolken. Ich denke darüber nach was mich erwartet in der Ferne, und mehr sogar noch wenn ich in fünf Wochen wieder nach Hause reise. Ich denke an gefeierte Erfolge, an gemachte Fehler, an all die offenen Fragen die ein Leben ausmachen.

Taxi haben es mit ihrem nun durch einen Swiss-Fernsehspot wieder auferstandenen Song "Campari Soda" sehr schön eingefangen, die gleichzeitige Melancholie und Freude die jeden Flugreisenden begleitet, diese abgehobenen, von der Erde entfernten Gefühle die man empfindet wenn man durchs Fenster die zwei Turbinen sieht, und das Flugzeug leicht in der Luft schwankt.

Die Welt da draussen ausserhalb dieser beiden dünnen Acrylglasscheiben ist kalt und lebensfeindlich, und gleichzeitig ist es genau dieser Himmel den ich so liebe, der mich mein ganzes Leben schon angezogen hat.

Aber nicht so, nicht aus dieser ungemütlichen, von Touristen durchsetzten Alu-Röhre heraus betrachtet. Richtiges Fliegen geht ganz anders – und genau das werde ich schon bald erleben, aber das ist eine andere Geschichte und soll dementsprechend auch ein andermal erzählt werden.

Jetzt sitze ich in einer vierstrahligen Airbus A340 Passagiermaschine, nicht in einem einstrahligen Hawker Hunter Jagdbomber, und die A340 lässt sich kaum mit dem schnittigen wendigen Jet vergleichen, mit dem ich diesen Herbst die Alpen kitzeln werde.
Kennt Ihr den Unterschied zwischen einem Airbus 340 und einem Ziegelstein? Legt beides auf die Startbahn, und was zuerst fliegt, das ist dann der Ziegelstein. Es gibt wohl kaum ein Passagierflugzeug das schlechter steigt als die 340, die vier CM56-Triebwerke unter ihren Flügeln bringen’s einfach nicht! Wegen der 340 musste sogar die CTR Zürich, die Kontrollzone um den Flughafen Kloten (Unique indeed…) so stark abgesenkt werden dass nun Segelfliegen ab Birrfeld kaum mehr sinnvoll möglich ist.

Aber zurück von der Welt der Fliegerei in die Welt in mir. Hm, ich erinnere mich zurück an einen ähnlichen Flug vor über zehn Jahren, grob in die gleiche Richtung, ungefähr dieselbe Distanz. Damals schrieb ich meine Gedanken auch nieder - es war meine erste Reise alleine ins Unbekannte.
Ich frage mich ob ich-damals und ich-heute dieselben Gedanken und Gefühle hatten. Nachlesen kann ich es leider nicht mehr, denn das Dokument ist irgendwo zwischen alten Tickets und zerfallenen Stadtplänen verloren gegangen, aber ich glaube dass was für mich damals gestimmt hat auch heute seine Gültigkeit hat. Irgendwie doch auch beruhigend, zeigt es doch das man seinen eigenen Idealen und Träumen treu geblieben ist. Die Wahrheit ist halt doch die Wahrheit, oder?

So, genug getippt – jetzt hab ich Durst!

Ich nime no än Campary Soda… 

 

Nachtrag:

Nun sind wir in Cayenne Rochambeau gelandet und der vertraute Hammer aus hoher Luftfeuchtigkeit, heissen Temperaturen und exotischen Gerüchen haut mich aus den ätherischen Sphären wieder auf den Boden der Realität runter. Wie jedes Mal nach so einem Flug drehe ich mich zur Maschine um, die mich diese tausenden von Kilometer sicher ans Ziel gebracht hat, und ich denke es ist halt doch auch ein feines Maschinchen, diese A340.

Über "meiner" A340 kreisen ein paar lustig zwitschernde Schwalben und ich lache laut auf.

Es ist schön wieder irgendwo angekommen zu sein, und jetzt geht das Abenteuer richtig los…

 

Inhalt   Vorheriger Eintrag   Nächster Eintrag