Fransää federall
[Gedanken vom 18.05.07]

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Unglaublich. Ich bin nun schon über zwei Wochen in Frankreich und bin noch nicht verhungert! Ob das aber an meinem linguistischen Fähigkeiten liegt oder doch eher an der Tatsache dass man mit Auf’s-allgegenwärtige-Baguette-zeigen-und-leise-murmeln praktisch in jeder Sprache "kommunizieren" kann sei mal dahingestellt...

Eigentlich geht’s ganz gut mit meinem Französisch und ich bin oft selbst überrascht, wie einzelne Bruchstücke dieser von mir über Jahre verdrängten Sprache es scheinbar doch noch bis über den Atlantik geschafft haben!

Und doch, es sind vor allem einfache Standardsätze aus den allerersten paar Wochen Französischunterricht die verwendet werden: Essen bestellen, übers Wetter lästern und sich einen schönen Tag wünschen geht schon (fast...) wieder problemlos, aber an eine philosophische Diskussion zum Geburtenrückgang der Blattschneiderameise möchte ich mich doch noch nicht grad wagen. Verstehen tu ich jedoch meist recht viel, ausser die Gallier plappern wieder mal so rassig dass ich die Kontextwechsel im Verlauf eines Gesprächs nicht mitkriege.

Was ich auf jeden Fall gemerkt habe ist auch dass das Schulfranzösisch und das echte, gelebte Französisch halt doch auch ganz unterschiedlich sind! Also ein paar sehr praktische Ausdrücke habe ich nämlich erst hier gelernt.
Unser Franzlehrer hat zum Beispiel nie Ausdrücke wie "
Rond comme une queue de paille" verwendet – aber ich hab ihn ja auch nie sturzbetrunken gesehen. "Rund wie ein Schaufelstiel" wäre nämlich bei uns in Nidwalden etwa soviel wie "Ä scheenä Teyfu häi trääid!". Und wenn die Franzosen dann mal ganz tief in den Ti’Punch geschaut haben sind sie ziemlich "geküchelt" ("tartiné") oder grad völlig zugebuttert ("bien beurré").

Lustig wie man in jeder Sprache immer irgendwie versucht diesen speziellen Zustand diskret und doch offensichtlich zu umschreiben…

Die Franzosen sind ein sehr angenehmes Völkchen und ich fühle mich in ihrer Mitte trotz meiner über 7 Jahre Mittelschulfranzösisch antrainierte Aversion (oops, manche Franzwörter haben es ja bis ins Deutsch geschafft!) gegen diese Sprache immer ausgesprochen wohl! Alle sind sehr hilfsbereit und tolerant und können scheinbar selbst mit meinem eher abgehackten Französisch recht gut umgehen. Bisweilen gehen sie sogar mit ihrer Freundlichkeit soweit dass sie grad lügen wie gedruckt! Mir wollten sie zum Beispiel kürzlich verklickern das mein Französisch wirklich sehr gut sei und das ist ja wohl wirklich absoluter Quatsch, haha! Aber eben, nett sind sie, die Franzosen.

Was sie aber – so sprachlich gesehen – auch noch sind ist unlogisch und kompliziert!  Glaubt Ihr nicht? Dann zählt doch mal mit: "Un, deux, trois, quatre,…"

Spätestens nach 69 wird’s irgendwie eigenartig:  "soixante-neuf, soixante-dix…"

Hääää? "Zehnunsechzig"?!?

…und schliesslich "soixante-dix neuf, quatre-vingt,…        quatre-vingt dis neuf,…"

"Neunzehnunsechzig, vier-zwanzig? Vier-zwanzig Neunzehn?!?"

Ja, ich habe heimlich nachgezählt: alle Franzosen die ich bisher kennen gelernt habe verfügen über zehn Finger – da sollte es doch möglich sein auch das Dezimalsystem konsequent durchzuziehen!

Lustig war neulich auch als wir das Alu-Kanu vom Institut abgeholt haben: Unter französischer Anleitung wurde ich zum Schiffli-Hangar gelotst – mehr oder weniger ohne Probleme…

"Ici tu dois aller à gauche,…    maintenant tout droit…"

 …Schindi dreht nach rechts ab…

"Non, non! Pas à droite! Tout droit!!!"

Ach ja - erinnere ich mich dunkel - da war doch mal was mit links, rechts und geradeaus…

Links ist ja "à gauche" und rechts "à droite". Einfach. Logo.

Aber wieso ist "geradeaus" plötzlich "tout droit"? Was hat "geradeaus" mit "ganz-rechts" zu tun?!?

Tja, aber eben, mein Français federal ist alles andere als gut, und ich kommuniziere etwas stotternd mit den Einheimischen und Importierten Franzosen hier. Irgendwie falle ich immer zurück ins Kreolische…

Es ist wirklich war: Kreolisch würde mir eigentlich wesentlich besser liegen als "echtes" Französisch! Der Mix aus Französisch und diversen Afrikanischen Sprachen und Einflüssen ist für mich einfacher zu verstehen und nachvollziehen, speziell auch grammatikalisch - was allerdings in keiner Weise bedeuten soll das ich Kreolisch kann. ich meine jetzt mehr einfach so konzeptionell.

Wenn sie nur nicht immer so verdammt schnell reden würden, die Kreolen! Oder sind wirklich nur wir Schweizer so langsam?!?

Natürlich bin ich ja in gewisser Weise kreolisch vorbelastet: Meine ersten richtigen internationalen Erfahrungen machte ich auf den (ebenfalls kreolischen) Seychellen. Mein Schwager ist Voll-Kreole genau von da und meine beiden allerliebsten Nichten somit auch Halb-Insulaner mit entsprechendem tropischen Rhythmusgefühl im Füdli (im krassen Gegensatz zum Götti/Onkel…).

Mittlerweile beunruhige ich aber schon all meine helvetischen und gallischen Wegbegleiter hier fast regelmäßig mit meinen spontan auftretenden Anfällen kreolischen Lebensgefühls: irgendwie liegen mir hier in Guyana im Urwald ständig kreolische Ohrwürmer auf der Zunge!
Beim Kanupaddeln etwa ist "Sa p’ti trou dan Katjolo…" ("Das kleine Loch im Schiffli…") einfach super passend, und "Mon p’ti Kreol leo, mon eh lelelele, azi eh la lalioh!!!" passt perfekt wenn in den Urwald gebrüllt…

Jaja, das Phänomen Kreolisch. Ich finde es immer noch extrem spannend, wie die verschiedenen Zentren kreolischer Kultur und Sprache sich so ähnlich sind, obwohl geographisch über tausende von Meilen getrennt: die Rhythmen in Guyanischen Radio sind die gleichen wie die in St. Lucia in der Karibik und Mauritius und den Seychellen im Indischen Ozean. Ein Kreole aus Guadeloupe versteht einen aus La Réunion oder Mahé sehr leicht. Die verschiedenen und doch gleichen Völker bauen sogar im gleichen Stil, und tanzen auf eine ähnliche Art und Weise. Séga ist Soca, Zouk ist Masouk ist Mazurka. Fasil, eh?

Und das obwohl bei der jeweiligen Entstehungsgeschichte der verschiedenen Kreolen kein Austausch stattgefunden hat: Man nehme einfach Französische Kolonisten und Afrikanische Sklaven, schüttle kräftig und – voilà ! – fertig ist ein weiteres kreolisches Schmuckstück!

 

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