Ice ice baby!
[Gedanken vom 27.04.07]

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Ihr fragt Euch sicher wieso wir - ein paar unverbesserliche Schweizer - ausgerechnet in Französisch Guyana forschen gehen, einem Land welches wie die ESA immer wieder stolz verkündet viel näher am Äquator liegt als Florida und das Cape Canaveral der NASA.

Nun, die (inoffizielle…) Antwort ist ganz einfach: Weil es in Schweden im Winter so verdammt kalt ist!

Wie, Schweden, Schweiz, Frankreich, Südamerika? Der alles erklärende Zusammenhang wäre nun wo?!?

Also ich fass mal zusammen: Laubabbau-Versuche in Bächen mach ich ja nicht zum ersten Mal, denn seit nun fast 5 Jahren arbeite ich in verschiedenen Fliessgewässern irgendwo zwischen Alpen-Nordrand und etwas südlich vom Polarkreis.
Meistens war ich im Schwarzwald am Kneipen, hatte aber auch ein sehr interessantes Experiment in Nordschweden im Gange. Und ausnahmslos war ich in den letzten Jahren im Spätherbst und Winter auf der Piste – das waren echte Winter, nicht solche Weicheier-Halbsommer-Winter wie der letzte!

Schweden, tja Schweden war so richtig „frisch“…

Ich zoome mal zeitlich auf den Dezember 2004: Wir – das wären nun ich und mein Kollege Brendan McKie, ein Australier den es aus unerfindlichen Gründen an die Uni von Umeå verschlagen hat, machten uns auf um Laubproben zu bergen, die wir ein paar Wochen früher in den Schwedischen Bächen versteckt hatten. Ein bisschen wie Ostern, aber halt eben mit Laub.

Ein paar Sachen fehlten. Das markerschütternde, hungrige Heulen der Wölfe etwa, das hörten wir nicht. Mannshohe Schneewälle durch die wir uns einen Weg bahnen mussten auf der Flucht vor den hungrigen Wölfen (die ja eben nicht da waren…) hatten wir auch keine im Weg stehen. Kein einziges Rentier rannte uns über den Schneehaufen. Lediglich ein dünner Hauch von trockenem Schnee bepuderte die borealen Nadelwälder, Schnee so harmlos wie das Schäumchen auf einem Cappuccino.

Und doch, dass es Winter war wagte keiner von uns beiden auch nur im Entferntesten zu bezweifeln: Minus 19° Celsius auf dem Thermometer sind ein deutliches Indiz dafür das der nächste Grillplausch in der Badehose (also ‚wir in der Badehose am Grillieren’, nicht ‚Grill in der Hose’ - einfach das mir das keine Verwechslungen gibt) noch ein Weilchen auf sich warten lässt.


Ein typischer Schwedischer Bach in hellem "Tageslicht" - zwar nicht   
das Gewässer um das es hier im Text geht, aber doch einen guten    
Eindruck vermittelnd, wie es so aussehen kann im Winter...             

180 Proben wollten wir an diesem Tag ernten, 180 Röhren gefüllt mit Laub, Steinfliegenlarven und Düngepellets, verschlossen mit feinem Nylongewebe. Aus 40 diesen Röhren wollten wir vor dem Pflücken zudem auch noch Wasserproben absaugen, um zu testen ob unsere Düngemethode überhaupt funktioniert hat oder ob jemand das Design dieser Röhren verbockt hat (wer das wohl sein könnte *hust).

Es kam aber leicht anders als wir uns im warmen, gemütlichen Wohnzimmer von Brendan’s kuschliger Bude zurechtgeplant hatten…

Der Bach hiess Pålböleån-Bäcken. Um ehrlich zu sein kann ich diesen Namen immer noch nicht ganz korrekt aussprechen (zumindest nicht nüchtern). Selbst das Tippen dieses Namens ist nicht ganz einfach denn man muss doch durch die "Insert Symbol"-Funktion von Word navigieren um die lustigen Kringel zu kriegen, die die Schweden auf ihre "a" malen und das sie deshalb als ein noch etwas runderes "o" aussprechen. Also mit zweimal "å" und einmal "ö" tönt Pålböleån wie der etwas unenthusiastische Brunftschrei eines Elches oder so ähnlich.

Egal. Pålböleån hat mich die eine oder andere Lektion zum Thema Eis gelehrt. Pålböleån hatte Eis, und dieses Eis hatte Charakter. Dieses Eis war böse. Dieses Eis sah zudem sehr spannend aus und erinnerte optisch stark an H.R. Giger’s Alien: dadurch dass das Wasser des Pålböleån so typisch schwarzbraun ist und sich beim Gefrieren in unzähligen Schichten zu einem Damm wachsen liess wirkte der ganze Bach nun wie etwas organisches, lebendiges – und unheimliches…

Als wir unsere Proben im Herbst im Bach versenkten war der Wasserspiegel so etwa bei 50cm. Jetzt, mit dem ganzen Alien-Eisdamm kam das Wasser bis etwa 1.2 Meter – eine sehr beunruhigende Tatsache wenn man am Ufer steht und darüber nachdenkt dass das einzige was seine potentiellen Nachkommen vor einem schnellen schmerzhaften Erfrierungstod schützt lediglich ca. 5mm Neopren und eine Unterhose ist. Also gaaanz vorsichtig auf das Eis raus.

Das Eis unter dem wir unsere Proben vermuteten.

Und über einen Meter Wasser.

"Du Brendan, hats bei Dir auch so eine komische Sorbet-Schicht auf dem Eis?"

"Yep, und das Eis ist zum Glück nur 10, 20 Zentimeter dick!"

"Das schon, aber weiter unten hat’s noch mehr Sorbet, und noch mehr Eis! Und dann nochmals Sorbet und irgendwo glaube ich das Bachbett gefunden zu haben…"

Wir hatten somit:

þ 10-20cm Wasser, das gerade am Gefireren war uns somit eine Sorbet-artige Konsistenz hatte (kalt)
þ 10-20cm Eispanzer (hart)
þ 10-20cm Wasser (kalt)
þ nochmals 10-20cm Sorbet (kalt)
þ nochmals 10-20cm Eispanzer (hart)
þ nochmals 10-20cm Wasser (kalt)
þ sogar ein drittes Mal Sorbet (kalt)
þ Untergrund

Und an einzelnen Stellen fanden wir sogar noch eine dritte untergetauchte Eisplatte vor...

Unsere Aufgabe bestand nun natürlich darin, die diversen Eisplatten mit Hämmern und Hacken zu zertrümmern um an unsere Proben zu kommen. Ist schon ein etwas komisches Gefühl wenn man auf dem Eis steht und mit aller Wucht auf das Eis hämmert, unter dem 1.2 bis 1.5 Meter tiefes, schwarzes Wasser-Eis-Sorbet-Gemisch herumgurgelt. Man schlägt sich den eigenen Boden unter den Füssen weg – eine ausgesprochen doofe da gefährliche Tätigkeit.


Wieder der falsche Bach, aber die richtigen Leute: Brendan (l.) und   
ich als modisch äusserst unvorteilhaft in Szene gesetzte Eisbrecher.  

Nach Brechen eines grossen Teils der Eisschicht und des Eisdammes der den Wasserstand so massiv von 50 auf 150cm angehoben hatte, konnten wir nun beginnen die Wasserproben aus zufällig gewählten Röhren abzusaugen – auch dies nicht ganz einfach: Ich verwendete Spritzen mit 8cm langen Injektionsnadeln die ich durch das Nylongewebe der Röhren steckte um das Wasser aus dem Inneren der Röhren zu beproben.
Eigentlich eine stinkeinfache Angelegenheit, es sei denn man mache dies bei -19°C, einer Temperatur bei der das Wasser in der dünnen Nadel sehr schnell gefriert und die Spritze verstopft, wie wir bald herausfanden.

Um dem durch Zufrieren Verstopfen vorzubeugen wärmte ich immer ein paar Nadeln in meinem Mund auf, und versuchte dann möglichst schnell die Nadel auf die Spritze zu rammen und diese dann blitzschnell möglichst in die Röhre und nicht meine Hand zu stecken und rassig meine Probe abzuzapfen. Die vorgewärmten Nadeln gefroren nicht ganz so schnell zu, so dass die Probenahme relativ ok funktionierte.

Wenn es aber noch nicht doof genug ist, in der brusttiefen, reissenden Strömung nach kaum sichtbaren Röhren zu Grabschen, dann stelle man sich das also noch mit zehn 8cm-Injektionsnadeln f'wiffen de' Ffähnen vor…

Pro 20ml-Wasserprobe brauchte ich ziemlich genau zwei Minuten nur um zu Zapfen - "rassig" ist hier also ein dehnbarer Begriff. Zwei Minuten in denen man nur mit langen Gummihandschuhen geschützt im 1.2m tiefen, fies kalten Wasser vornübergebeugt möglichst regungslos da steht und wie wild am Stöpsel der Spritze zieht, möglichst ohne was an der Spritze, der Röhre oder an sich selbst abzubrechen.

Nachher wurde die Spritze an Brendan übergeben, der die 20ml mit Dünger angereichertem Wasser dann durch Einwegfilter in kleine Behälter presste, und ich grabschte nach weiteren Röhren. 40 Röhren haben wir so beprobt, zusammen glatte zweieinhalb Stunden in denen wir im Wasser standen und schlotterten. Ich staune jetzt noch dass wir keine Erfrierungserscheinungen erlitten haben!


Ein unter grossem Aufwand geschlagenes Eisloch mit einigen           
unserer Röhren.                                                                            

Dummerweise konnten wir nicht alle unserer 180 Proben finden, denn einige waren an Stellen platziert, in denen das Wasser einfach zu tief war um noch arbeiten zu können. So verloren wir so auch fast ein drittel an den Schwedischen Winter, und dieser fehlende Drittel machte die statistische Analyse unseres Versuchs natürlich sehr sehr fragwürdig.

In meiner Diss wurde dieser ganze Umstand, die Strapazen, Gefahren und Schmerzen nach sauberer wissenschaftlicher Art auch besonders erwähnt (hier erwähnt ist nur ein Teilaspekt des Experiments, daher ist von 32 anstatt 180 Proben im Bach die Rede):

“Of the 96 litter bags deployed at the six field sites, 77 (i.e. 80%) were retrieved and analysed. Most losses occurred in the Pålböleån, where only 19 of 32 samples were retrieved (59%) because of unusually high water levels and formation of a thick ice cover.”

Beeindrucken, nicht?

Als wir dann schliesslich auch die Proben aus dem Wasser genommen und zum Heimtransport in Plastiktüten gesteckt hatten, machten wir uns nass, kalt und müde auf ins Auto um die Heimfahrt nach Umeå anzutreten.

Losfahren konnten wir natürlich erst nachdem wir Brendan's angefrorene Kappe von seinem Kopf geschmolzen, meine Wathosenschnürsenkel aufgetaut und den irgendwo in Brendans Wathose abgetauchten Autoschlüssel wieder gefunden hatten. Gestärkt haben wir uns auf dem Heimweg mit halbgefrorenen Sandwiches und wirklich mal eisgekühltem Coca Cola.

"Brendan, egal was hier für grossarige neue Erkenntnisse zum Laubabbau in borealen Fliessegässern rauskommen, egal wieviele Nobelpreise wir mit diesen Röhren kriegen, irgendwann, iiiiiiirgendwann möchte ich einfach mal in einem Bach stehen ohne mir meinen Arsch aufs knackickste abfrieren zu lassen. Irgendwo muss es doch auch in den Tropen Bäche geben, oder?!? Irgendwo müssen sie sein..."


Ein Bourbaki? Oder Yeti?!?

...

Na dann schauen wir doch mal wieviel Eis wir in Kourou finden werden! Am besten in ganz kleinen Stücken mit ganz viel Cola drum rum. Und Rum.

 

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